„Drehbuch Leben“ schreibt Geschichten

Kalender Drehbuch Leben der Wohnungslosenhilfe
Sozialarbeiterin Lisa Stephanblome (l.), „Model Reiner Goßmann“ und Fotografin Anja Micke präsentieren vor dem Fliednerhaus den Kalender „Drehbuch Leben“ der Wohnungslosenhilfe.

11. Dezember 2020

Fotokalender der Wohnungslosenhilfe zeigt obdachlose Menschen in anderen Rollen und verdeutlicht die Kluft zwischen Arm und Reich

Das Leben auf der Straße ist hart – und häufig ziemlich eintönig. Man geht in den Tagesaufenthalt, mittags in die Suppenküche, abends in die Notschlafstelle oder sucht sich anderswo einen Schlafplatz, hängt zwischendurch mit den Kumpels ab. Aus diesem immer gleichen Trott sind die Teilnehmenden beim Projekt „Drehbuch Leben“ der Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission – Diakonisches Werk Bochum e.V. ausgebrochen und für ein paar Stunden in andere Rollen geschlüpft. Daraus ist ein Kalender mit eindrucksvollen Fotos entstanden.

„Der Fotokalender soll Wohnungslose und Obdachlose sichtbar machen und die Gegensätze zwischen Arm und Reich aufzeigen. Dabei sollen die Wohnungslosen in den Mittelpunkt rücken“, sagt Sozialarbeiterin Lisa Stephanblome, die das Projekt mit Einrichtungsleiterin Christiane Caldow organisiert hat. So thront zum Beispiel Reiner Goßmann, zu sehen auf dem Kalenderblatt für März und auf den Titel, in Winterjacke und mit löchrigen Wollsocken mitten im Stadtpark auf einen Ohrensessel an einer prall gefüllten Tafel, neben ihm der zerknüllte Schlafsack. Der 64-Jährige, der seit anderthalb Jahren wohnungslos ist, war sofort Feuer und Flamme für das Projekt. „Wir haben ihn in den Sessel gesetzt und er war sofort der König“, erzählt Anja Micke. Die freiberufliche Fotografin und Mitarbeiterin der Wohnungslosenhilfe hat die Fotos erstellt, passende Protagonisten gesucht, die Kulissen organisiert und sich um Sponsoren gekümmert.

Das war gar nicht so einfach, erinnert sich Anja Micke. Denn kurz nach dem Start des Projekts begann die Corona-Pandemie. Bereits zugesagte Schauplätze waren nun nicht mehr zugänglich – oder es musste ein großer Aufwand betrieben werden, um den Hygienevorschriften nachzukommen. Deshalb hat die Umsetzung auch länger gedauert als ursprünglich geplant. „Es ging nur dank eines Netzwerks und der Unterstützung durch gute Freunde“, betont die Fotografin. Besonders bedanken sich die Macherinnen beim Kosmetikstudio Leibwächter in Bochum, Ruhr-Golf Witten, Sabine Werner genießen, dem Mercure Hotel Plaza Essen, den Luftsportfreunden Wesel-Rheinhausen und Olaf Berger.

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen sind beeindruckende Aufnahmen entstanden, auf denen Lebenswelten aufeinanderprallen. Ein Page trägt einem Wohnungslosen die Tüten mit seinen Habseligkeiten zum Schlafplatz in der U-Bahn-Station. Ein graubärtiger Mann entspannt bei einem Fußbad im Schönheitssalon. Eine Dame durchstöbert die Ständer in der Boutique. Ein junger Mann in zerrissenen Jeans lümmelt sich auf dem Sessel der Suite im Luxushotel. Weitere Fotos zeigen die Protagonisten an der Börse, auf dem Motorrad, beim Golfspielen, im Sportflugzeug, bei der Weinprobe, als Fußballprofi im VfL-Trikot und im Pelzmantel vor dem Luxus-Sportwagen. „Jedes Shooting für sich hat eine Geschichte geschrieben“, sagt Anja Micke. „Es war eine tolle Zeit mit neuen Erkenntnissen und ganz viel Spaß.“

Der Fotokalender ist ein besonderer Ausdruck von Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung. Die hierfür notwendige enge Beziehung zu den Protagonisten entstand in der Zeit des Lockdowns von März bis Juli 2020 im Rahmen der Ganztagsbetreuung obdachloser und wohnungsloser Menschen im Fliednerhaus. Die durchgehende Versorgung, der sichere Schlaf- und Aufenthaltsort sowie das Gemeinschaftsgefühl haben bei vielen Nutzerinnen und Nutzern des Fliednerhauses zur Stabilisierung beigetragen. Mehrere der abgebildeten Protagonisten profitierten von der intensiven Zusammenarbeit und wechselten dauerhaft die Rollen: von der Straße in Wohnraum.

Die Erstellung des Kalenders „Drehbuch Leben“ wurde durch die Aktion Mensch gefördert. Er ist exklusiv gegen eine Spende von mindestens 15 Euro bei der Bahnhofsmission am Bochumer Hauptbahnhof erhältlich. Dort kann er während der Öffnungszeiten (montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sowie samstags von 9 bis 16 Uhr) abgeholt werden. Die Übergabe erfolgt kontaktarm durchs Fenster (bei der Radstation um die Ecke). Bewusst wurde er als immerwährender Kalender angelegt und kann damit über 2021 hinaus zum Einsatz kommen

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Bilderstrecke: Drehbuch Leben - Kalender mit wohnungslosen Menschen

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