Geflüchtete Frauen gezielt und gleichberechtigt fördern!

Jens Fritsch
Jens Fritsch, Vorstand der Inneren Mission – Diakonisches Werk Bochum e.V. und Vorsitzender der AG Wohlfahrt in Bochum

22. Juni 2020

Arbeitsgemeinschaft der Bochumer Wohlfahrtsverbände unterstützt Appell aus dem Arbeitslosenreport der Landesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege

Trotz hoher Motivation, beachtlicher Berufserfahrung und uneingeschränkter Erlaubnis zu arbeiten stehen geflüchtete Frauen vor erheblichen Barrieren, die ihnen den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt erschweren. Das muss sich ändern, fordert die Arbeitsgemeinschaft der Bochumer Wohlfahrtsverbände. Sie unterstützt den Appell der Landesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege (LAG) NRW aus deren neuestem Arbeitslosenreport.

Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) bezogen Ende 2019 in Bochum knapp 2056 geflüchtete Frauen im erwerbsfähigen Alter Hartz-IV-Leistungen, aber nur 154 wurden mit einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme gefördert. Geflüchtete Frauen sind laut Arbeitslosenreport im Vergleich zu geflüchteten Männern bei der arbeitsmarktpolitischen Förderung deutlich unterrepräsentiert. Der Frauenanteil der Teilnehmenden in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen in Bochum beträgt lediglich 20,3 Prozent. Das ist deutlich weniger als es dem Anteil der Frauen an den Arbeitslosen in Bochum (31,3 Prozent) zufolge sein müsste. „Die BA muss sich offensichtlich stärker anstrengen, um Gleichberechtigung bei der Förderung in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen für geflüchtete Frauen herzustellen“, fordert Jens Fritsch, Vorsitzender der AG Wohlfahrt in Bochum.

Damit sie überhaupt arbeiten oder sich qualifizieren können, brauchen viele geflüchtete Frauen bedarfsorientierte und flexible Angebote der Kinderbetreuung und Bildungs- und Qualifizierungsangebote in Teilzeit. In Bochum lebten im Dezember 2019 knapp 1473 von insgesamt 2056 geflüchteten Frauen in einer SGB-II-Bedarfsgemeinschaft mit einem oder mehreren Kindern (71,6 Prozent). Nach Einschätzung der Freien Wohlfahrtspflege ist es wichtig, Arbeitsmarktintegration stärker als bisher als systemischen Prozess zu betrachten.

Konkret heißt das, den Blick nicht nur auf eine zu fördernde Einzelperson zu richten, etwa eine geflüchtete Frau, sondern auch deren soziales Umfeld mit in den Blick zu nehmen, etwa den Lebenspartner und die Familie. „Gerade wenn es um Rollenbilder und Geschlechterstereotype geht, lernen Kinder von ihren Eltern. Deshalb ist es wichtig, die zu uns geflüchteten Frauen schon heute auf ihrem Weg zu mehr selbstbestimmter Teilhabe am Arbeitsleben zu unterstützen. Dann lernen das gleich auch die Kinder für ihre eigene Zukunft“, sagt Jens Fritsch.

„Es ist übrigens ein Vorurteil und daher falsch, geflüchteten Frauen pauschal fehlende Bildung und mangelnde Kompetenzen zu unterstellen, warnt er und kritisiert die Datenbasis der BA. In der Statistik fehlten in Bochum bei 30,9 Prozent der geflüchteten Frauen Angaben zum Schulabschluss. „Hier muss dringend noch einmal genau hingeschaut und ggf. in den Erfassungsunterlagen nachgebessert werden“, fordert Jens Fritsch. „Wir wissen aus der Praxis unserer Dienste und Einrichtungen, dass viele geflüchtete Frauen aus ihren Herkunftsländern durchaus beachtliche Berufserfahrung mitbringen. Die werde jedoch im hochdifferenzierten und stark segmentierten deutschen System der beruflichen Bildung oft nicht anerkannt.“

Hintergrund

Die Wohlfahrtsverbände in NRW veröffentlichen mehrmals jährlich den „Arbeitslosenreport NRW“. Basis sind Daten der offiziellen Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit und des Statistischen Bundesamts. Hinzu kommen Kennzahlen zu Unterbeschäftigung, Langzeitarbeitslosigkeit und zur Zahl der Personen in Bedarfsgemeinschaften, um längerfristige Entwicklungen sichtbar zu machen. Der Arbeitslosenreport NRW sowie übersichtliche Datenblätter mit regionalen Zahlen können im Internet unter www.arbeitslosenreport-nrw.de heruntergeladen werden. Der Arbeitslosenreport NRW ist ein Kooperationsprojekt der Freien Wohlfahrtspflege NRW mit dem Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) der Hochschule Koblenz.

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