Vom Alltag zum Sonntag

Begleiter 1

Wenn man die Frage stellt, welche Berufsgruppen in den Feierabendhäuser arbeiten, dann lauten die meisten Antworten: "Krankenschwestern und Krankenpfleger, Verwaltungsmitarbeiter und Hausmeister." Dabei ist das Spektrum der Berufsgruppen wesentlich breiter. Eine der Berufsgruppen, die nie genannt werden, sind die Alltagsbegleiter. Vielleicht liegt das daran, dass man sich unter deren Tätigkeit nichts Bildhaftes vorstellen kann. Was bedeutet überhaupt. das Wort "Alltagsbegleitung?"

Der oberflächliche Betrachter denkt dabei wohl an eine Begleitung durch den grauen und eintönigen All-Tag. Sein spontanes Fazit lautet daher: "Alltagsbegleiter ist ein grauer und eintöniger Beruf." Um zu prüfen, ob diese Einschätzung berechtigt ist oder nicht, begleite ich einmal selber die Alltagsbegleiter während ihrer Arbeit.

Entspannung und Wohlbefinden

Zunächst treffe ich mich mit Angelika Oulad, um ihr bei der Arbeit zuzusehen. Gemeinsam gehen wir in einen kleinen Raum, an dessen Eingang das Wort "Alltagsbegleiter" steht. In diesem Raum befinden sich allerlei bunte, große und kleine Utensilien. Frau Oulad nimmt ein kleines Fläschchen, mit einer Flüssigkeit aus dem Schrank. Dann nimmt sie noch eine große, rothaarige Puppe und macht sich damit auf den Weg.

Dieser Weg führt uns in den Wohnbereich "Am Sonneneck". Im Speisesaal findet sie Frau Pötter. Frau Pötter ist eine Bewohnerin des Hauses und sitzt im Rollstuhl. "Guten Tag Frau Pötter," begrüßt Frau Oulad sie freundlich. Frau Pötter sagt zwar nichts, erwidert die Begrüßung aber mit einem deutlichen Lächeln. Da Frau Pötter nicht sprechen kann, äußert sie sich nur mimisch oder gestikulierend. Frau Oulad fragt, ob sie eine Handmassage haben möchte. Als Antwort folgt ein deutliches Kopfnicken. Gesagt, getan: Frau Oulad setzt sich zu Frau Pötter und öffnet ihr geheimnisvolles Fläschchen. "Riechen sie mal," sagt Frau Oulad, während sie das Fläschchen nahe an Frau Pötters Nase hält. Anschließend verreibt sie, mit kreisenden Handbewegungen etwas von der Flüssigkeit auf Frau Pötters Hand. Während Frau Pötters Haut anfängt zu glänzen, breitet sich ein angenehmer vermutlich Zitronenduft im Raum aus. Nun massiert Frau Oulad jeden Finger einzeln. Dabei hält sie immer wieder Blickkontakt zu Frau Pötter und fragt, ob sie das als angenehm empfindet. Es folgt ein überzeugendes Kopfnicken.

"Wichtig ist, dass mindestens eine Hand immer Kontakt mit Frau Pötters Hand hält," sagt Frau Oulad zu mir. Nun ist die Massage der ersten Hand abgeschlossen. Da Frau Pötter mit der anderen Hand sichtliche Probleme hat, fragt Frau Oulad erst, ob sie diese Hand auch massieren soll. Frau Pötter antwortet kopfschüttelnd. Damit ist die Massage beendet. Und während Frau Oulad sich die Hände reinigt, nehme ich das kleine Fläschchen, um herauszufinden, welche Flüssigkeit darin enthalten ist. Auf dem Ettiket steht: "Pflegeöl - Patchouli Cassis". Wir verabschieden uns von Frau Pötter, die lächelnd nickt.

Mein erstes Zwischenfazit: Alltagsbegleiter ist ein Beruf, der für Endspannung und Wohlbefinden sorgt.

Immer wieder ein Lächeln

Kurz danach befinden wir uns im Wohnbereich "Am Moseleck". Frau Oulad klopft an einer Zimmertür und tritt herein. Am Eingang steht der Name Brunhilde Eschstruth. "Guten Tag, Frau Eschstruth," begrüßt Frau Oulad die im Bett liegende Zimmerbewohnerin. "Ich habe heute "Verstärkung" mitgebracht." Dabei zeigt sie auf mich und ich stelle mich vor. Darauf sagt Frau Eschtruth: "Ich bin Brunhilde - die kleine Wilde", und lacht.

Nun kommt die Puppe zu ihrem Einsatz" Frau Oulad setzt sie auf das Bett und sagt: "Julchen ist auch wieder da.". Frau Eschstruth freut sich besonders über "Julchen" weil sie, genau wie ihr Enkelkind, rote Haare und blaue Augen hat. Erst jetzt fällt mir das Bild von ihrem Enkel über dem Bett von Frau Eschstruth auf. Und tatsächlich: Eine gewisse Ähnlichkeit - naja, zumindest kleine Parallelen - lassen sich nicht verbergen..." Sie hat so ein schönes, lächelndes Gesicht", sagt Frau Eschstruth und muss dabei selber lachen. "Hat die denn keine "Mama-Stimme"?, fragt Frau Eschtruth und drückt fest an Julchens Bauch. Aber Julchen sagt nichts. "Schade," sagt Frau Eschtruth: "Aber, die ist echt süßt, die Kleine." Nach einiger Zeit muss Frau Oulad wieder weiter und nimmt die rechte Hand von Julchen. "Tschüüs," sagt Julchen, während sie mit der rechten Hand winkt. Und auch Frau Eschtruth sagt: "Tschüüs, Julchen. Komm ruhig mal wieder vorbei." Und schon gehen wir wieder weiter.

Mein zweites Zwischenfazit: Alltagsbegleiter ist ein Beruf, in dem es immer wieder ein Lächeln gibt.

Rücksicht auf die Tagesform

Im Wohnbereich "Am Leuchtturm" wollen wir eine Bewohnerin besuchen, die als Schwester Herta bekannt ist. Frau Oulad hat vor, Schwester Herta die Haare zu bürsten. Sie klopft an der Tür und tritt in das Zimmer. Aber Schwester Herta scheint zu schlafen. Was nun? Frau Oulad spricht sie mehrmals an - aber Schwester Herta scheint heute einen gesunden Schlaf zu haben. Diesen Schlaf will Frau Oulad ihr natürlich nicht unnötig rauben und verläßt deshalb das Zimmer unverichteter Dinge.

Mein drittes Zwischenfazit: Alltagsbegleiter ist ein Beruf, der auf die persönliche Tagesform des Bewohners Rücksicht nimmt.

Bunt und erfrischend

Einige Zeit später treffe ich mich mit Sümeyra Etcioglu im Wohnbereich "An der Dorfstraße". Sie zeigt mir den Raum, in dem sie gleich ein Gruppenspiel mit einem so genannten "Schwungtuch" durchführen will - was auch immer das sein mag. Über dem Eingang des Gruppenraumes hängt eine alte, nostalgische Uhr mit der Aufschrift "Victoria Station". Der Raum selber ist unter anderem mit einem dunkelblauen Boden und mit dezenten Blumenbildern an der Wand eingerichtet. Eine größere Anzahl an Stühlen ist bereits in einer großen Kreisform aufgestellt. Und schon führt Frau Etcioglu die ersten Teilnehmer herein. Ich erhalte von einem der Teilnehmer die freundliche Einladung, mich auch dazu zu setzen, und nehme sie dankend an.

Nachdem Frau Etcioglu noch einige Teilnehmer dazu geholt hat, sitzen wir nun in einem neunköpfigen Kreis. Neben mir und dem Praktikanten, Sandro Guagliardo, sitzen noch fünf Männer und zwei Frauen - einschließlich Frau Etcioglu - im Kreis. Zur Begrüßung stimmt Frau Etcioglu das Lied "Es klappert die Mühle am rauschenden Bach" an und die Teilnehmer stimmen munter mit ein. Dann breitet Frau Etcioglu ein großes, buntes Tuch auf dem Boden aus. Mit seinen blauen, orangenen, gelben und roten Streifen bringt das Tuch richtig helle Farbe in den Raum. Wir fassen alle die Tuchschlaufen und ziehen leicht daran, sodass das Tuch etwa einen Meter über dem Boden hängt. Als nächstes wirft Frau Etcioglu einen orange-, gelb-, grünfarbenen Gummiball in die Mitte des Tuches und die Farbenfreude ist perfekt. Wir ziehen das Schwungtuch abwechselnd rauf und runter, wodurch der Ball hin und her kullert und springt. "Sooo fest," bemerkt Frau Rose. "Ja," antwortet Frau Etcioglu: "Das sind eben alles Männer hier." Gelegentlich springt der Ball auch schon mal aus dem Kreis raus...Ich merke, dass das Schwungtuch einen erfrischenden Wind zufächert. Alles in allem also eine sehr bunte und erfrischende Gruppenaktivität.

Mein viertes Zwischenfazit: Alltagsbegleiter ist ein farbenfroher Beruf.

Köstlicher Beruf

Nun befinde ich mich in einer anderen Ecke "An der Dorfstraße." Ich sehe eine helle und übersichtliche Einbauküche. Zehn Bewohner sitzen hier an einem großen Tisch und warten darauf, dass das hauswirtschaftliche Gruppenangebot endlich beginnt. Dann ist es so weit: Frau Etcioglu und Frau Oulad begrüßen die Teilnehmer und stimmen gewohnheitsgemäß ein Lied an: "Horch was kommt von draußen rein".

Es könnte der Kartoffelmann sein, der "von draußen rein" kommt. Denn heute steht türkischer Kartoffelsalat auf dem Hauswirtschaftsplan. Türkisch - das heißt ohne Mayonese, wie ich von Frau Oulad erfahre. Außerdem wird er mit Sumak, einem säuerlich, schmeckenden Gewürz, angerichtet.

Aber alles schön der Reihe nach: Zuerst geht es ans Kartoffelschälen. Die Teilnehmer erhalten alle ein Schälmesser und eine große Kartoffel. Diese Aufgabe scheint allen sehr vertraut zu sein. Nur einmal muss Frau Etcioglu Herrn Löw etwas Anleitung geben. Während alle Teilnehmer konzentriert auf die jeweilige Kartoffel sehen, scheinen sie alles Andere um sich zu vergessen. Schon - muss man überrascht sagen - ist Frau Preuß mit der ersten Kartoffel fertig. Die anderen brauchen etwas mehr Zeit dazu. Aber auch die letzte Kartoffel ist bald abgeschält. Die Kartoffeln werden noch in kleine Stücke geschnitten und in einer blauen Plastikschüssel gesammelt. Ich habe mir sagen lassen, dass diese Art des Kartoffelsalates auch gut schmeckt.

Mein fünftes Zwischenfazit: Alltagsbegleiter ist ein "köstlicher" Beruf.

Ordentlicher Beruf

Während ich mit Nebahat Jäger im Cafe "Am Schwesternpark" rede, sagt sie: "Ich muss gleich noch dokumentieren." Damit meint sie nicht, dass sie einen Dokumentarfilm für das Fernsehen drehen will, sondern dass sie ihre Arbeitsleistungen im Computer schriftlich festhält.

Ziel der Dokumentation ist, dass das interdisziplinäre Mitarbeiter-Team des Hauses über die Endwicklung, die persönlichen Interessen und das Wohlergehen des jeweiligen Bewohners auf dem Laufenden ist. Dadurch ist es gewährleistet, dass man auf die individuelle Tagesform und Tagesstimmung des Bewohners eingehen kann.

Die wesentlichen Bestandteile einer Dokumentation lassen sich mit der Antwort auf die folgenden Fragen zusammenfassen: Welches Angebot wurde dem Bewohner gemacht? Hat er oder sie das Angebot angenommen oder abgelehnt? Wenn ja: Warum? Wie hat ihm oder ihr das Angebot gefallen? Besonders wichtig ist, dass festgestellt wird, wie sich der Bewohner dabei und danach gefühlt hat.

Mein sechstes Zwischenfazit: Alltagsbegleiter ist ein ordentlicher Beruf.

Spielend Menschen in Beziehung bringen

Zu guter Letzt geht es noch um ein Spiel. Ein sehr beliebtes Spiel. Nein, nicht um Fußball. Das Spiel, um das es geht, heißt "Schlag die Scholle".

Ich gebe zu, dass der Name des Spieles nicht sehr aussagekräftig ist. Spontan könnte man vermuten, dass jeder eine dicke Eisscholle vorgelegt bekommt, die er mit einem Eispickel kaputt schlagen muss. Wer zuerst damit fertig ist, hat dann gewonnen.

Aber dem ist nicht so. Bei "Schlag die Scholle" sitzen alle Spieler in einem großen Kreis. Die Abstände zwischen den Spielern sollten nicht zu klein sein, denn jeder von ihnen bekommt einen Schläger, mit dem er die "Scholle" schlagen muss. Und die kann schon mal dem einen oder anderen um die Ohren fliegen...

Die "Scholle" ist in Wirklichkeit ein Luftballon. Obwohl - oder vielleicht gerade weil - er so beliebt ist, wird er zwischen den Teilnehmern hin- und her geschlagen. Und das am besten so, dass er nie den Boden berührt. Wo dieses Spiel gespielt wird, kann man nie so genau sagen. Es erfreut sich einfach in allen Wohnbereichen großer Beliebtheit. Vom "Leuchtturm" bis zur Kurz-Zeit-Pflege, von der "Guten Stube" bis zum "Sonneneck". Schlag die Scholle mögen einfach alle. Nicht selten wird dabei gelacht oder sogar mit der "Scholle" jongliert. Selbst Angehörige, die eigentlich nur "ihre Lieben" besuchen wollten, haben schon spontan mitgespielt - und waren begeistert.

Mein siebtes Zwischenfazit: Alltagsbegleiter ist ein Beruf, der Menschen spielend miteinander in Beziehung bringt.

Fazit

Nachdem ich mir nun ein gründliches und umfangreiches Bild von dem Beruf des Alltagsbegleiters gemacht habe, lautet nun mein abschließendes Fazit:

Alltagsbegleiter ist ein Beruf, durch den für die Bewohner des Feierabend-Hauses der All-Tag zum Sonn-Tag wird.

Alexander Reinisch

Kontakt

Altenzentrum am Schwesternpark Feierabendhäuser
Pferdebachstraße 43
58455 Witten
Telefon 02302 175-1750
Sozialer Dienst: 02302 175-1782
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