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Zeitzeugen erzählen vom Kriegsende
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- Erzählcafé im Fachseminar für Altenpflege mit (v.l.) Diakonisse Käthe Gruß, Diakonisse Otti Ortmann, Fachseminarleiterin Irmgard Hock-Altenrath, Ferdinand Lammert und Dozent Michael Winkler
21. Mai 2010
Schüler des Fachseminars für Altenpflege der Diakonie Ruhr beschäftigten sich in einem Unterrichtsprojekt mit Biografischem Erzählen
Spannende Lebensgeschichten hörten die Schüler des Fachseminars für Altenpflege in Witten bei einem Erzählcafé zum Thema Kriegsende in Witten und dem Ruhrgebiet. Ferdinand Lammert (88) aus Bochum, Vater des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU), sowie die Diakonissen Otti Ortmann (98) und Käthe Gruß (82) berichteten im Rahmen des Unterrichtsprojekts „Biografisches Arbeiten“ und der Veranstaltungsreihe zum 40-jährigen Bestehen des Fachseminars von ihren Erlebnissen während der Nazidiktatur und der frühen Nachkriegsjahre.
„Wer nicht mitmachte, bekam Probleme“, erinnert sich Ferdinand Lammert an die Willkürherrschaft der Nationalsozialisten. „Man konnte sich nirgendwo beschweren.“ Heute findet er es unvorstellbar, dass man von der Verfolgung der Juden nichts mitbekommen habe. „Später haben wir erfahren, dass die SA am 9. November 1938 eine Einberufung bekam, aber keiner wusste, wofür. Bei dem Treffen hieß es dann: Steckt die Synagoge in Brand.“ Schon am Tag nach der Reichpogromnacht sei der größte Teil der Juden verschwunden gewesen – entweder deportiert oder geflüchtet.
Käthe Gruß, damals zehn Jahre alt, erinnert sich: „Die Juden standen in Schlafanzügen auf der Straße und haben geschrien.“ In der Nachbarschaft in Dortmund, wo sie aufwuchs, habe es viele jüdische Familien gegeben. „Wir haben mit den Kindern gespielt. Am nächsten Tag waren sie weg.“ Und was sie ganz schlimm fand: „Man bekam keine Antwort.“
Ferdinand Lammert kam als gelernter Bäcker um den Arbeitsdienst herum, musste aber 1941 an die Front – Russland, Frankreich. Das Kriegsende erlebte er in Thüringen. Dank seines Berufes kam er um die Gefangenschaft herum: Bevor die Alliierten einrückten, heuerte er bei einem Bäckermeister an, der Hilfe gebrauchen konnte „Da ich Bäcker war, hat mich niemand darauf angesprochen, ob ich Soldat war.“ Er gab an, ein aus dem Ruhrgebiet Evakuierter zu sein. Vier Wochen später ergatterte er eine Mitfahrgelegenheit auf einem Lastwagen Richtung Westen, die ihn schließlich nach mehreren Zwischenstationen und glücklichen Zufällen bis fast vor die Tür seines Elternhauses in Bochum führte. „Dann konnte meine Mutter ihren kleinen Ferdi wieder in die Arme schließen.“
Während Lammert vier Jahre an der Front verbrachte, erlebten die beiden Frauen die Kriegsjahre in der Heimat. „Wer weiß wie oft waren wir nachts im Keller“, erinnert sich Otti Ortmann, die als OP-Schwester im Evangelischen Krankenhaus eingesetzt war. Nach dem ersten großen Luftangriff auf Witten wurde sogar im Keller operiert, neben der Backstube. Denn im OP waren alle Fenster zerstört. Das Besteck hatten die Schwestern vorher gerettet. Weil es aber auch keine OP-Lampe mehr gab, wurde im Keller im Schein von Petroleumlampen operiert.
Otti Ortmann erinnert sich auch an lange Fußmärsche quer durch die Stadt. Da große Teile des Krankenhauses zerstört waren, wurden die Patienten auf andere Häuser in der Umgebung verteilt. Oder gleich vor Ort versorgt: So musste eine Gruppe junger russischer Zwangsarbeiterinnen, die bei einem Luftangriff Verbrennungen erlitten hatten, in einer ausgebrannten Fabrikhalle behandelt werden, weil das zerstörte Krankenhaus sie nicht aufnehmen konnte.
Käthe Gruß, die in Dortmund ausgebombt worden war und deshalb 1945 mit 17 Jahren als Diakonissenanwärterin nach Völlinghausen am Möhnesee in der Schwesternerholungsheim des Wittener Mutterhauses ging, erinnert sich an die Ankunft von etwa 20 Feierabendschwestern aus Witten, die nach dem zweiten Luftangriff kein Dach mehr über dem Kopf hatten. „Sie waren zerlumpt, verdreckt, mit offenen Haaren und standen unter Schock.“ Die alten Diakonissen, die bisher eine eigene Stube hatten, mussten sich nun zu zweit und zu dritt ein Zimmer teilen.
Wann das Leben wieder normaler wurde, wollen die Altenpflegeschüler von ihren Gesprächspartnern wissen. „Erst ab 1950“, sagt Ferdinand Lammert. Dann seien die letzten Lebensmittelmarken abgeschafft worden. Vor der Bäckerei hätten sich in Zeiten der Rationierung endlose Schlangen gebildet, und die Bäckerei habe nur Maismehl geliefert. „Es gab Maisbrot mit Möhrenmarmelade“, erinnert sich Käthe Gruß an eine entbehrungsreiche Zeit.
Ziel des biografischen Arbeitens in der Altenpflege ist es, eine ganzheitliche Pflege zu ermöglichen. Dabei sammeln die Fachkräfte vor dem Einzug eines Bewohners Daten aus seinem Leben sowie Informationen zu den zeitgeschichtlichen Hintergründen, um optimal auf seine Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben eingehen zu können. Das Wittener Stadtarchiv unterstützte das Unterrichtsprojekt des Fachseminars für Altenpflege mit Materialien zum Kriegsende in Witten.
